Die Frau in Schwarz

Die Bestseller-Adaption „Die Frau in Schwarz“ markiert zugleich die Rückbesinnung der reanimierten Hammer-Studios zu ihren klassischen Horrorwurzeln und die Leinwandrückkehr Daniel Radcliffes, als Hauptdarsteller in einem Nicht-„Harry Potter“-Film.

Inszeniert worden ist die Geistermär von James Watkins, der 2008 mit „Eden Lake“ ein erbarmungsloses Debüt vorgelegt hat, welches sein Publikum vor allem mit seiner drastischen, realistischen Härte schockiert hat.
Seine neue Arbeit könnte kaum weiter von dem Erstling entfernt sein:
„Die Frau in Schwarz“ entpuppt sich leider als angestaubter Popcorn-Grusel, dessen nostalgische Bilder sein stärkster Trumpf bleiben.

Ich weiss nicht, wie oft ich diese Geschichte auf Film bereits erlebt habe, nur aufbereitet in einem anderen Stil und unter anderem Titel.
In den Sechzigern hieß sie zum Beispiel „Die toten Augen des Dr. Dracula“, in den Achtzigern „Das Grauen“, in den Neunzigern „Ringu“, und so weiter.
Man könnte vermutlich ewig damit fortfahren, ähnliche Werke aufzuzählen.

Natürlich ist es irgendwo auch unfair, einen Film mit der schlichten Begründung an die Wand fahren zu lassen, er sei nicht wirklich originell.
Mal Hand aufs Herz: Ich habe bereits etliche Arbeiten über den grünen Klee gelobt, die sich nicht minder ausgiebig bei ihren Kollegen bedient haben.
Es muss in erster Linie ja auch gar kein absolut einzigartiger Meilenstein entstanden sein – das Resultat sollte einen aber zumindest irgendwo packen, oder zumindest gut unterhalten.
Eine stimmige Umsetzung von Susan Hills subtiler Vorlage ist hier übrigens nicht herausgekommen.
„Die Frau in Schwarz“ ist keine cineastische Katastrophe, aber er ist eine streckenweise reichlich lustlos heruntergespulte Variation eines alten Themas, deren visuelle Eleganz nicht völlig über die ärgerliche Beliebigkeit hinweghelfen kann.

Die Frau des jungen Anwalts Arthur Kipps (Radcliffe) ist im Kindsbett gestorben.
Hinterlassen hat sie dem noch immer trauernden Mann ihren gemeinsamen Sohn Edward, mit dessen Aufzucht er sich völlig überfordert sieht.
Auch Arthurs Arbeitsleben leidet unter der persönlichen Tragödie. Sein Chef räumt ihm noch eine letzte Chance ein, sich bei ihm zu beweisen:
Er muss in die abgeschiedene Ortschaft Crythin Gifford reisen, um den Nachlass der verstorbenen Alice Drablow aufzulösen und in ihrer opulenten Villa Eel Marsh House ihren letzten Willen ausfindig zu machen.

Im dortigen Wirtshaus angekommen muss er feststellen, dass ihm die Einwohner aus einem unbekannten Grund nicht wohlgesonnen gegenüberstehen. Lediglich der Gutsbesitzer Mr. Daily (Ciarán Hinds, „Dame, König, As, Spion“) ist ihm ein Freund in der neuen Umgebung.
Von seiner Kontaktperson Mr. Jerome (Tim McMullan) wird er am nächsten überraschenderweise aufgefordert, Crythin Gifford umgehend zu verlassen. In dem Anwesen der Verstorbenen gäbe es nichts mehr zu finden.

Arthur beschließt jetzt erst recht, Eel Marsh House, das mitten im Watt erbaut und bei Flut von Wasser unerreichbar umschlossen ist, zu besuchen.
Was er dort vorfindet, sind Briefe, die ein dunkles Geheimnis offenbaren, und eine mysteriöse Frau in einem schwarzen Kleid.

Menschen kommen anschließend auf furchtbare Weise ums Leben, und der Vater fürchtet, dass auch sein kleiner Sohn in Gefahr sein könnte.
Er muss handeln, um das Unheil ein für alle Mal abzuwenden…

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Verwunschene Landschaften, dichte Nebel, eine paranoide Stimmung und ein tragischer Held – das sind unter anderem Zutaten, die die frühen Horrorstoffe ausgezeichnet haben.
Auch „Die Frau in Schwarz“ greift auf diese breitspurig zurück, verliert aber letzten Endes in dem Dunst die Tiefe seiner Geschichte aus den Augen.
Es ist nicht so, als wäre aus dem Grundkonzept nicht mehr herauszukitzeln gewesen – den Verantwortlichen hat aber offensichtlich eher das (zugegebenermaßen gelungene) Recycling einer antiquierten Atmosphäre und ein frischer Star-Name an der Cast-Spitze am Herzen gelegen.
Fest steht: Das Werk ist mehr Schein als Sein, mehr lautes Tamtam als stille, aus dem Inhalt erwachsende, Gänsehaut.

Ein Problem ist hier auch der Hauptdarsteller.
Daniel Radcliffe mag als populärer Magier bereits achtmal Millionen von Fans begeistert haben – das Format für eine tiefgreifendere Figur scheint er (noch?) nicht zu besitzen.
Der 22-jährige bewegt sich äußerst steif durch den Mystery-Plot und blickt etwas hilflos drein, so als ob er sich ohne Zauberstab etwas unwohl vor der Kamera fühlt.
Es fällt schwer, sich als Zuschauer mit seinem uninteressanten Arthur zu identifizieren.
Viel holt er aus seiner Rolle, die selbstverständlich auch keinen grenzenlosen Sprung nach oben zulässt, nicht heraus.

Visuell weiss „Die Frau in Schwarz“ zu gefallen. Vor allem die Gestaltung des Eel Marsh House-Umlandes ist ein Augenschmaus.
Das dürfte dann auch der Grund sein, weshalb in diversen Szenen die Anreise zum, beziehungsweise Abreise vom, Grundstück per Luftaufnahme als großes Ereignis dargestellt wird.
Doch, hier hat man sich wirklich Mühe gegeben, die geographische Isolation auf spannende Weise zu thematisieren.

Was dem Film nun aber am schmerzlichsten fehlt, ist eine gesunde Portion frischen Nervenkitzels. Verdächtige Geräusche, die die Bedrohung etwa fünf Minuten vor dem Schreck ankündigen, mögen die Aufmerksamkeit in vereinzelten Momenten erregen – wenn diese jedoch den Horror während der etwa 90-minütigen Spielzeit dominieren, hat man als erfahrener Zuschauer spätestens nach der Hälfte die Nase voll davon.
Jüngere Produktionen wie „Das Waisenhaus“ (2007) oder „Insidious“ (2010) haben vorgemacht, wie man das richtig hinbekommen kann. Indem man den Spuk um das Drama mauert und den Figuren Freiraum lässt, bei den Zuschauern Sympathie zu erwecken. Wie soll man sich auch sonst um diese sorgen, wenn dann später die Hölle losbricht?

Horror mag gemeinhin ein Genre sein, das viel Hohn und Spott einstecken muss. Nur vergessen viele engstirnige Zuschauer manchmal gerne, wie gehaltvoll und vielschichtig doch etliche Beiträge aus dem Bereich ausgefallen sind – und dass selbst manch eindimensionaler Schocker handwerklich durchaus seine inhaltlichen Schwächen zu überspielen versteht und so dennoch einen starken Effekt beim Publikum auszulösen vermag.
Watkins‘ Arbeit besitzt jedoch weder die Tiefe noch die Kraft.
Das Geheimnis um die „Frau in Schwarz“ ist leider im eigenen Kopf schneller gelöst, als Harry Potter „Finite Incantatem“ aussprechen kann.

An diesem Film würde man sich weniger stören, ihn möglicherweise gar nicht beachten, würde er sich nicht selbst in den Medien durch die Präsenz von Daniel Radcliffe ins Rampenlicht drängen.
Schön, er basiert auf einer Vorlage – nur macht diese Tatsache jetzt das mittelmäßige Resultat zu einer Großtat? Vor allem, wo Buch und Film Welten trennen?

Das mag nun böser klingen als es gemeint ist, aber eigentlich ist das hier doch einfach nur eine clevere Mogelpackung, um 14-jährige Mädchen zusammen mit ihren Freunden ins Kino zu locken.
Ihnen wird das Werk dann wohl auch mehr zusagen als mir.


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